Es gibt einen Fehler in App-Projekten, der die Entwicklung garantiert torpediert: Ein fixes Releasedatum festlegen, bevor klar ist, was die App überhaupt können soll.
Warum ein frühes Releasedatum ein Grundproblem ist
Stell dir vor, du gehst zum Architekten und willst ein Haus bauen. Du hast noch kein Grundstück, aber das Einzugsdatum steht bereits fest – der Mietvertrag ist gekündigt, Nachmieter organisiert, Möbel bestellt.
Genau so fühlt es sich für Entwickler an, wenn das Releasedatum gesetzt ist, bevor irgendjemand weiß, wie aufwendig das Projekt wirklich ist.
Weißt du, wie viel Zeit deine App in der Entwicklung braucht? Nein – also kann das Datum auch nicht vorab sinnvoll festgelegt werden.
Ein Releasedatum ist immer ein Kompromiss zwischen zwei Faktoren:
- Wie viel Zeit nehmen wir uns?
- Welche Features werden entwickelt?
Ist eines dieser beiden Faktoren fest, liegt der gesamte Spielraum im anderen. Ein zu frühes Datum führt zwingend dazu, dass entweder Features gestrichen, Qualitätssicherung abgekürzt oder Nutzertests übersprungen werden – meistens alles zusammen.
Was passiert, wenn der Zeitplan zu eng wird
Gerät ein Projekt unter Zeitdruck, werden als Erstes zwei Dinge geopfert:
1. Qualitätssicherung
Qualitätssicherung bedeutet nicht: Die App einmal durchtippen und schauen ob sie nicht abstürzt.
Qualitätssicherung bedeutet:
- Fehlerfälle absichtlich herbeiführen
- Die App mit schlechter oder fehlender Internetverbindung testen
- Unsinnsdaten in Eingabefelder eingeben
- Unlogische Benutzungsreihenfolgen ausprobieren
- Verschiedene Gerätegrößen und Betriebssystemversionen testen
In größeren Projekten werden dafür eigens Personen eingestellt, die den ganzen Tag nichts anderes tun. Kein Projekt ist zu klein, um diesen Schritt zu überspringen. Genau wie ein Autor einen Lektor braucht, braucht ein Entwickler einen Tester – denn wer seinen eigenen Text zu oft gelesen hat, sieht die Fehler nicht mehr.
2. Nutzertests
Nutzertests beantworten eine andere Frage: Verhält sich das System so, wie echte Benutzer es erwarten? Läuft alles glatt? Hält der Server stand, wenn beim Launch plötzlich mehrere hundert Nutzer gleichzeitig zugreifen?
Ohne Belastungstest riskierst du, Nutzer in der entscheidenden Anfangsphase mit einem instabilen System zu konfrontieren. Nutzer, die eine App beim ersten Mal als unzuverlässig erleben, kommen in der Regel nicht zurück.
Den Planungsumfang nicht ständig ändern
Ein zweites häufiges Problem: Während der Entwicklung schleichen sich immer wieder neue Ideen als scheinbare Kleinigkeiten in den Projektplan ein – und das gesetzte Datum bleibt trotzdem unangetastet. Dieses Vorgehen heißt Feature Creep.
Das Ergebnis: Der Umfang wächst, das Datum bleibt, die Qualität leidet.
Ein Plan ist kein Plan, wenn er ständig verändert wird. Änderungen am Umfang sind manchmal notwendig – aber sie müssen immer eine bewusste Entscheidung sein, die auch das Datum oder das Budget beeinflusst. Beides zusammen – mehr Features und gleiches Datum – funktioniert nicht.
Was tun, wenn es doch ein fixes Datum geben muss?
Manchmal gibt es tatsächlich äußere Gründe für ein bestimmtes Releasedatum. In diesem Fall:
- Frühzeitig priorisieren: Was muss zum Launch fertig sein? Was kann nachgeliefert werden?
- Realistisch planen: Welche Features sind in der verfügbaren Zeit wirklich umsetzbar?
- Qualität nicht verhandeln: Qualitätssicherung und Nutzertests sind keine Extras, sondern Pflicht.
Zusammenfassung
- Lege kein Releasedatum fest, bevor der Projektumfang klar ist.
- Ist ein Datum unvermeidbar, priorisiere bewusst, welche Features bis dahin fertig werden müssen.
- Ändere den Projektumfang nicht, ohne auch das Datum oder Budget anzupassen.
- Streiche nie Qualitätssicherung oder Nutzertests wegen Zeitdrucks – das sind keine Extras, sondern Pflicht.
Häufig gestellte Fragen
Warum sollte man am Anfang eines App-Projekts kein Releasedatum festlegen? Weil der tatsächliche Entwicklungsaufwand zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt ist. Ein fixes Datum ohne klaren Umfang führt zwangsläufig zu Abkürzungen bei Qualität oder Features.
Was passiert, wenn der Zeitplan zu eng ist? Typischerweise werden als Erstes Qualitätssicherung und Nutzertests gestrichen – genau die Schritte, die sicherstellen, dass die App zuverlässig funktioniert.
Was ist Feature Creep? Feature Creep bezeichnet das schrittweise Einschleichen neuer Features in den Projektumfang, oft als scheinbare Kleinigkeiten getarnt. Es ist eine der häufigsten Ursachen für überzogene Budgets und verpasste Deadlines in App-Projekten.
Was ist der Unterschied zwischen Qualitätssicherung und Nutzertests? Qualitätssicherung prüft, ob die App technisch korrekt funktioniert – auch in Fehlerfällen und Grenzsituationen. Nutzertests prüfen, ob die App das tut, was echte Nutzer erwarten, und ob sie unter realen Bedingungen stabil bleibt.